Religiöse Orientierung gewinnen


Religiöse Orientierung gewinnen.
Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule

Peter Schreiner/Rainer Möller

[Erschienen in: CI Informationen 2015, H. 1, S.1-3 (pdf).]
Unter diesem Titel erschien im Herbst 2014 die neue Denkschrift des Rates der EKD zum Religionsunterricht – genau 20 Jahre nach der Denkschrift „Identität und Verständigung“. Wurde schon damals, in den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung, die religiöse und weltanschauliche Pluralität als epochale Herausforderung identifiziert, geht die neue Denkschrift einen Schritt weiter. Sie will aufzeigen, wie die religiöse und weltanschauliche Pluralität in Schule und Bildung in reflektierter Form wahrgenommen werden kann. Der Religionsunterricht soll Schülerinnen und Schülern religiöse Orientierung in einer zunehmend unüberschaubar werdenden Welt ermöglichen. Pluralitätsfähigkeit wird jedoch nicht nur als Bildungsziel des Religionsunterrichts, sondern der Schule insgesamt verstanden. Wie soll nun Pluralität bearbeitet werden? Dazu heißt es im Text:

„Die Bearbeitung der Pluralität muss sich von beidem leiten lassen: von der Suche nach Gemeinsamkeit als dem trotz aller Vielfalt Verbindenden und der Bereitschaft, auch nicht auflösbaren Unterschieden gerecht zu werden.“ (S. 11)

Die Denkschrift besteht aus fünf Kapiteln, deren Inhalte wie folgt zusammengefasst werden:

(1) Die Herausforderungen der religiös-weltanschaulichen Vielfalt für Schule und RU.
In der Schule heute begegnet Vielfalt auf allen Ebenen. Es finden sich religiöse und weltanschauliche Pluralität, Multikulturalität und Multireligiosität, aber Pluralität wird auch erfahren in der Gestalt unterschiedlicher Erziehungsauffassungen und divergierender Wertorientierungen verbunden mit oft widersprüchlichen Erwartungen in der Schüler- wie in der Elternschaft. Diese Herausforderungen gilt es im RU und in der Schule insgesamt zu bearbeiten.
(2) Grundlagen in evangelischer Sicht und neue Fragen.
Hier wird der „Perspektivenwechsel“ hin zu Kindern und Jugendlichen thematisiert und zugleich betont, dass Schule oft der einzige Ort ist, an dem eine Auseinandersetzung mit religiösen und kirchlichen Themen stattfindet. Das Bemühen um Verständigung kann die Orientierung an Differenz nicht ablösen, beide Aufgaben sind zugleich wahrzunehmen: die Unterstützung von religiöser Identitätsbildung und Pluralitätsfähigkeit.

„Identität und Verständigung bezeichnen einen Prozess, der als Zusammenhang wahrgenommen werden muss.“ (S. 45)

Es wird in diesem Kapitel auch erläutert, dass „evangelische Konfessionalität“ eine dialogische Offenheit befördert. Dabei wird ein offenes Verständnis von Konfessionalität vorausgesetzt, das prinzipielle Dialogoffenheit gegenüber anderen Religionen und Welt-anschauungen ebenso einschließt wie wechselseitige kritische Wahrnehmungen.

(3) Pluralitätsfähigkeit
wird als entscheidendes Bildungsziel für Schule und RU begründet. Sie zielt auf Ver-haltensweisen, die für ein von Respekt und Toleranz geprägtes gesellschaftliches Zusammenleben unabweisbar notwendig sind. Es wird Bezug genommen auf einen „Pluralismus aus Prinzip“ (Eilert Herms) und auf das theologische Konzept der „Konvivenz“ (Theo Sundermeier), die Pluralitätsfähigkeit begründen und stützen. Deutlich betont wird im Text, dass Bildung zur Pluralitätsfähigkeit prozessbezogen verstanden werden muss.

Kritische Fragen stellen sich in diesem Kontext:

  • Werden Differenzen zu allererst konstruiert, um sie dann bearbeiten zu können?
  • Impliziert Pluralitätsfähigkeit eine einseitige Konzentration auf Unterschiede auf Kosten von Gemeinsamkeiten?
  • Ist die angestrebte Differenzsensibilität sinnvoll?

Auf jeden Fall sollte der RU dazu beitragen,

„die Wurzeln von Pluralitätsfähigkeit, Toleranz, Respekt und Anerkennung für den Anderen in der eigenen religiösen Tradition zu identifizieren und auf diese Weise als Orientierungsressource verfügbar zu machen.“ (S. 67)

Der Schlüsselbegriff „Pluralitätsfähigkeit“ wird durch mehrere im Religionsunterricht zu erwerbende Teilkompetenzen weiter aufgefächert. Es geht um

  • Wissen, fachlich fundiert und auf Religionen und Weltanschauungen bezogen
  • Kontextuelle Deutungsfähigkeit von religiösen und weltanschaulichen Orientierungen
  • Perspektivenübernahme
  • Empathie, Toleranz, Respekt und Offenheit als zentrale Einstellungen und Verhaltensweisen
  • Bewusstsein eigener Orientierungen im Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Orientierung anderer.
  • Religiöse Urteilsfähigkeit (vgl. S. 70)
    (4) Leistungen und der Reformbedarf des RU im Blick auf religiöse Orientierung und Pluralitätsfähigkeit.

„Die Grundaufgabe des evangelischen RU liegt in der Ermöglichung einer religiösen Orientierung für Kinder und Jugendliche durch religiöse Bildung, die als unverzichtbarer Beitrag zur Schule insgesamt sowie zum Aufwachsen in einer pluralen Gesellschaft anzusehen ist.“ (S. 73)

Das wird deutlich unterstrichen. Sie wird als Voraussetzung für Pluralitätsfähigkeit angesehen. Eine pluralitätsfähige Gestalt des RU zeichnet sich aus durch eine sensible Wahrnehmung der für die Kinder und Jugendlichen in einer Lerngruppe bestehenden religiösen Prägungen, Orientierungen und Interessen, durch Offenheit und Wertschätzung für unterschiedliche religiöse Voraussetzungen und schließlich eine Kommunikationsbereitschaft mit Dialogfähigkeit als „beständige Voraussetzung in der Gegenwart“ (S. 76). Pädagogische Aufgaben stellen sich im Blick auf die Bedeutung der religiösen Dimension in der Schule insbesondere im Blick auf Multikulturalität und interkulturellem Lernen. Dabei kommt es durchaus zu Spannungen z.B. zwischen einer stärkeren Würdigung religiöser und interreligiöser Kompetenzen und den Leistungen eines konfessionellen Religionsunterrichts.

Fünf Aspekte sind im Blick auf die schulische Praxis zentral:

  • Die zunehmende Teilnahme nicht-evangelischer Kinder und Jugendlicher am evangelischen RU signalisiert ein breites Interesse am evangelischen RU, beinhaltet zugleich eine religionsdidaktische Herausforderung.
  • Konfessionelle Kooperation. Mehr als 1500 Schulen unterrichten derzeit nach einem konfessionell-kooperativen Modell, das einen deutlichen „Mehrwert“ an religiösen Lernprozessen fördert und differenzsensibles Lernen ermöglicht.
  • Interreligiöses Lernen. Diese Forderung ist bereits in Lehrplänen etabliert, bedarf jedoch einer gezielten Förderung in der Unterrichtspraxis. Dazu gehören entsprechende Unterrichtsinhalte, dialogisch ausgerichtete Lernprozesse und persönliche Begegnungen mit Angehörigen anderer Religionen. Interreligiöses Lernen sollte konsequent als Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive konzipiert werden (S. 87).
  • Kooperation mit dem Ethikunterricht. Dies wird erschwert, wenn der RU nicht als gleichberechtigter Partner des Ethikunterrichtes angesehen wird.
  • Fächerübergreifende Themen und fächerverbindender Unterricht. Diese Perspektive wird vielfach bereits in der Sekundarstufe II praktiziert, und die bestehende Ent-wicklung sollte ausgebaut werden.

(5) Wege zu einer dialogischen Schulkultur unter Aufnahme religiös-weltanschaulicher Vielfalt (pluralitätsfähige Schule).
Die Bearbeitung religiöser und weltanschaulicher Vielfalt muss als genuine Bildungsaufgabe der gesamten Schule anerkannt und wahrgenommen werden. Davon handelt das abschließende Kapitel der Denkschrift. Es bedarf gemeinsamer Regeln und Verfahren, einer dialogisch offenen Schulkultur mit Erfahrungsräumen und schulinterner Gremien und Institutionen der Mitverantwortung. Aufgenommen werden in dem Kapitel Zusammenhänge von Religion und Toleranz, die aus der dargelegten Vielfalt entstehenden Aufgaben der Schule insgesamt im Blick auf Schulleben, Schulentwicklung und Schulprofil und nicht zuletzt Fragen nach den notwendigen Kompetenzen der Lehrkräfte.

Im Text der Denkschrift wird festgehalten an einem „konfessionell-kooperativen, dialogisch ausgerichteten Religionsunterricht“ (S. 14), wie er bereits in „Identität und Verständigung“ (1994) und in der EKD-Verlautbarung „10 Thesen zum Religionsunterricht“ (2006) entfaltet wurde. Ausdrücklich wird der evangelische Religionsunterricht als ein dialogisch offenes pädagogisches Angebot verstanden, der die Kooperation mit dem Unterricht anderer Religionsgemeinschaften sowie mit dem Ethikunterricht anstrebt. Es ist dem Text eine breite Diskussion zu wünschen.

Dabei sollten u.a. folgende Fragen aufgenommen werden:

  • Wie lässt sich religiöse Bildung als integrativer Bestandteil allgemeiner Bildung argumentativ begründen?
  • Wie lassen sich Konfessionalität und Interreligiosität verbinden, bzw. in eine konstruktive Beziehung setzen?
  • Was kann in einer Situation religiös-weltanschaulicher Vielfalt eine „Stärkung des protestantischen Profils“ konkret bedeuten?
  • Wie lässt sich eine konfessionelle Orientierung mit einer zunehmenden Zahl von nicht mehr religiös sozialisierten bzw. konfessionslosen Schüler/innen vereinbaren? Wie kann der Situation zunehmender Konfessionslosigkeit sachgemäß begegnet werden?
  • Wie können Kooperationen mit der katholischen Kirche im Blick auf RU vertieft werden? Kann die Denkschrift neue Initiativen befördern?
  • Wie kann die Kooperation zwischen Ethik und ev. RU intensiviert werden?
  • Die Inklusionspädagogik wird die Frage nach einem gemeinsamen Religions- und Ethikunterricht verschärft stellen. Welche Rückwirkungen hat dies für die Weiter-entwicklung bestehender Modelle?
  • Angesichts der zunehmenden Bedeutung inklusiver Didaktik wird die Frage zu bearbeiten sein, wie das gemeinsame Lernen von in vielerlei Hinsicht unter-schiedlichen Schüler/innen ermöglicht werden kann, ohne religiöse oder konfessionelle Differenzen einzuebnen.

Das Comenius-Institut mit rpi-virtuell und in Zusammenarbeit mit einigen Pädagogisch-Theologischen Instituten der Landeskirchen will die Diskussion befördern, indem unter der Adresse
http://ru-denkschrift.de der Text der Denkschrift als Kommentar- und Dialogangebot bereitgestellt wird. Eine rege Beteiligung ist willkommen.

Religiöse Orientierung gewinnen. Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule – Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2015. ISBN 978-3-579-05974-7

http://www.ru-denkschrift.de